300 Jahre Nachhaltigkeit PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, den 19. Juni 2013 um 08:16 Uhr

  Peter Wohlleben wurde an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg zum Diplom-Forstingenieur ausgebildet. (Bild: Peter Wohlleben)

Peter Wohlleben wurde an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg
zum Diplom-Forstingenieur ausgebildet. (Bild: Peter Wohlleben)

Vor genau 300 Jahren erfand der sächsische Oberberg- Hauptmann Hans Carl von Carlowitz das Prinzip der Nachhaltigkeit. Nicht mehr Holz solle geschlagen werden, als wieder nachwachse, so die Mahnung. Doch die Waldwirtschaft in Deutschland beruht nicht auf diesen Prinzipen, kritisiert Peter Wohlleben, Förster in der Eifel.

Seit der Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro im Jahre 1992 wurde der Begriff der Nachhaltigkeit präzisiert. Nicht nur auf die Menge an Nachschub, sondern auch auf den Erhalt der Arten und der Funktionen eines Ökosystems kommt es nun an. In beiden Punkten hat die moderne Forstwirtschaft leider versagt.

Am Beispiel Boden wird dies besonders deutlich: Er ist aufgebaut wie ein Schwamm. Fährt eine Maschine darüber, so wird dieser Schwamm auf einer Breite von bis zu acht und einer Tiefe von über zwei Metern zusammengepresst  – und zwar unumkehrbar. Alle 15 bis 20 Meter befindet sich so eine Befahrungsschneise im Wald, was für eine einzige Durchforstung, also das Entnehmen erntereifer Bäume aus dem Wald,  für 50 Prozent befahrene Fläche sorgt. Die Poren im Boden werden für immer zerdrückt, die Luftkanäle brechen zusammen.

In der Folge erstickt der Großteil des Bodenlebens, darunter etliche noch nicht entdeckte Arten. Dieses „Bodenplankton“ ist unersetzlich für die Nahrungskette im Wald, die Folgen ihres Ausfalls noch nicht abschätzbar. Zusätzlich – und mindestens ebenso erschreckend – ist, dass die Fähigkeit des Bodens zum Wasserspeichern stark abnimmt. Nach dem Überrollen mit sogenannten Harvestern,  heutzutage vielfach eingesetzte gigantischen Holzerntemaschinen, reduziert sich die Speicherkapazität teilweise auf nur noch fünf Prozent!

Und das wird für den Wald im Sommer ganz schön bitter. Bäume verbrauchen nämlich in der warmen Jahreszeit mehr Wasser, als nachregnet. Den zusätzlichen Bedarf decken sie über gespeichertes Nass, das über den Winter im Boden festgehalten wurde. Dieser „Vorratstank“ ist nun zerquetscht, und so leiden Buchen und Eichen schon nach wenigen Sonnentagen Durst. In der Folge drosseln sie die Fotosynthese und damit auch die Holzproduktion. Es wächst also weniger Holz nach als vor der maschinellen Ernte. Da diese Schäden sich nach aktuellem Kenntnisstand nie wieder regenerieren, können zukünftige Generationen definitiv weniger Holz ernten als wir.

Doch damit noch nicht genug: Unser Holzhunger ist aktuell so groß, dass kurzerhand die Nachhaltigkeitsstandards geändert werden, um mehr ernten zu können. Offiziell bemerkt dies niemand, denn man wendet einen Taschenspielertrick an: Früher wurden Buchen mit 160 Jahren, Fichten mit 100 Jahren Alter gefällt. Dieses Erntealter setzte man einfach auf 120 beziehungsweise  80 Jahre herab. Die Folge: Alle älteren Bestände sind nun überflüssig, da per Definition „überaltert“ und damit schon längst erntereif. Somit kommt kurzfristig mehr Holz auf den Markt und die Menge kaschiert, dass wir längst über unsere Verhältnisse leben.

Auch dies kann man nur einmal machen. Sollen die Wälder in Zukunft wieder holzreicher werden, so müssen unsere Kinder und Kindeskinder den Gürtel deutlich enger schnallen als wir. Echte Nachhaltigkeit bedeutet, nicht mehr zu nehmen, als die Natur dauerhaft geben kann. Das ist momentan weder im Wald noch in sonst einem Ökosystem auf der Welt der Fall, und so sollten wir mehr Verzicht üben. Der erste Vorschlag hierzu: Verzichten wir doch auf die 300-Jahr-Feier!

Zur Person:

Peter Wohlleben wurde an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg zum Diplom-Forstingenieur ausgebildet. Nach einigen Jahren im Forstrevier Hümmel kündigte er 2006 seine Beamtenstelle in der Forstverwaltung und wurde im selben Revier von der Gemeinde selber als Förster angestellt. Dies ermöglichte Peter Wohlleben, eine sehr nachhaltige Form der Waldbewirtschaftung voranzutreiben. Inzwischen hat er mehrere kritische Bücher zu Waldbau, Jagd und Umweltschutz veröffentlicht.